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Gefangenes Sonnenlicht

„Farbe ist gefangen gehaltenes Sonnenlicht.“

Diesen Satz habe ich mir vor einiger Zeit notiert. Er wird Isidor von Sevilla zugeschrieben, einem Gelehrten des 7. Jahrhunderts.

Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Zusammenhang ich ihn gehört habe. Aber der Satz ist mir geblieben.

Vielleicht auch deshalb, weil er etwas beschreibt, das ich beim Fotografieren immer wieder suche, ohne es so nennen zu können:

Licht, das Farbe werden lässt.

Isidor dachte natürlich nicht an Fotografie. Eine Kamera lag noch weit außerhalb jeder Vorstellung. Und doch scheint mir sein Satz etwas Wesentliches über das Fotografieren zu sagen.

Denn was fängt eine Kamera eigentlich ein?

Zunächst einmal: Licht.

Nicht den Baum, den Menschen, das Haus oder die Landschaft. Was auf dem Sensor ankommt, ist Licht – Licht, das von Dingen reflektiert wird, Licht, das durch sie hindurchgeht, Licht, das von ihnen verändert wurde. Erst daraus entsteht für uns das Bild.

Und damit auch die Farbe.

Wir sprechen oft davon, dass ein Gegenstand eine bestimmte Farbe hat. Der rote Mantel ist rot, das grüne Blatt ist grün, der blaue Himmel ist blau. Aber so selbstverständlich ist das nicht.

Der Mantel sieht im warmen Abendlicht anders aus als im kalten Licht eines bewölkten Morgens. Das Grün eines Blattes verändert sich im Schatten. Eine Hauswand kann am Nachmittag golden erscheinen und eine Stunde später grau. Die Farbe ist nicht einfach nur eine Eigenschaft der Dinge. Sie entsteht immer auch aus der Begegnung mit dem Licht.

Vielleicht ist das der Grund, warum mich Isidors Bild so beschäftigt.

Gefangenes Sonnenlicht.

In einem Foto bleibt etwas von dieser Begegnung erhalten. Ein bestimmtes Licht, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit. Ein Augenblick, in dem die Welt genau so aussah – oder besser: in dem sie mir genau so erschien.

Denn auch das gehört zur Fotografie.

Die Kamera sieht nicht an meiner Stelle. Sie zeichnet zwar Licht auf, aber ich entscheide, wohin ich sie richte. Ich wähle den Ausschnitt, den Moment, die Perspektive. Ich entscheide, wann genug Licht da ist und wann zu viel. Und irgendwann drücke ich auf den Auslöser.

Damit wird aus flüchtigem Licht ein Bild.

Vielleicht ist das eine der eigentümlichsten Eigenschaften der Fotografie: Sie bewahrt etwas, das eigentlich nicht zu bewahren ist.

Das Licht verändert sich ständig. Die Sonne wandert. Wolken ziehen vorbei. Farben verblassen. Schatten verschieben sich. Der Moment, den ich fotografiere, existiert nur für einen kurzen Augenblick.

Und doch kann ich später wieder zu ihm zurückkehren.

Nicht zum ursprünglichen Augenblick – den gibt es nicht mehr. Aber zu seinem Licht.

Ich kann ein Foto ansehen und mich plötzlich wieder daran erinnern, wie warm dieser Nachmittag war. Wie das Licht durch die Blätter fiel. Wie eine Oberfläche für einen Moment aufleuchtete. Wie eine Farbe erschien, die wenige Minuten später schon wieder verschwunden war.

Vielleicht fotografieren wir deshalb nicht die Dinge.

Vielleicht fotografieren wir das Licht, in dem die Dinge uns begegnen.

Und dann bekommt Isidors alter Gedanke für mich eine ganz neue Bedeutung.

Farbe ist gefangen gehaltenes Sonnenlicht.

Und vielleicht ist ein Foto ein kleiner Versuch, dieses gefangene Licht für einen Augenblick wieder freizulassen.